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Wie beginnt unser Glück im Gehirn?

von | Jul 27, 2022 | Neuro-Wissen | 2 Kommentare

„Kennst du dieses Gefühl von früher?“ Das ist eine typische Frage, die uns in Coaching- oder Therapie-Sitzungen begegnet. Aber wieso landet das Gespräch eigentlich immer wieder in unserer Kindheit, wenn wir analytisch über unseren Stress, unsere Probleme, Konflikte und Blockaden blicken, um unserem Glück auf die Spur zu kommen?

 

Wieso kann ein Blick auf unsere Kindheit helfen, Glück besser zu verstehen?

Aus Neuro-Sicht ist die Antwort einfach: Wir werden nicht mit Glücksgefühlen geboren. Glücksgefühle müssen vom Gehirn erst erschaffen werden. Welche Ereignisse Glücksgefühle wert sind und welche nicht, bestimmen unsere ersten Lebenserfahrungen.

Diese Aussage hältst du sicher für einen uralten Hut. Aber das ist vielleicht etwas voreilig. Oder hast du jemals darüber nachgedacht, welcher Art diese Erfahrungen konkret sind? … Die meisten denken darüber nie nach. Dabei ist das ganz schön aufschlussreich. Denn unsere allerersten Lebenserfahrungen speisen sich ausschließlich aus Sinneseindrücken. Die ersten neuronalen Hauptpfade unserer Glückshormon-Infrastruktur werden durch Sinneseindrücke angelegt. Durch zufällige Sinneseindrücke! Echt jetzt?! Ja, echt jetzt.

Banale und zufällige Sinneseindrücke legen also den Grundstein für unser Glück. Lass mal kurz überlegen, welche Sinneseindrücke ein Baby erlebt? Sinneseindrücke wie: Es ist hell, dunkel, laut, leise, warm, kalt, weich, hart, ruhig, es riecht nach xy. Aber auch solche, die der Körper über sensorische Nervenbahnen dem Gehirn meldet, wie Hunger, Durst oder Bauchschmerzen durch Blähungen. Nun wundert es dich vielleicht nicht mehr, dass Glück so kompliziert ist.

Für mich war das eine erstaunliche Erkenntnis. Denn Sinneseindrücke sind überwiegend zufällig und hochgradig situationsabhängig. Und in dem jungen Alter auch noch nicht sonderlich differenziert. Krass, dass sie die Weichen stellen für unser zukünftiges Erleben, unsere Einordnung von Glück. Da lohnt sich ein genauerer Blick, wie das Glück neuronal entsteht.

Neuronales Glück: Wir werden alle reich geboren

Wir kommen mit sehr vielen Neuronen auf die Welt. Schätzungen zufolge mit bis zu 200 Milliarden (Experten sind sich über die genaue Anzahl uneins.) Von diesem Reichtum behalten wir allerdings weniger als 50 %. Das Gehirn eines erwachsenen Menschen beheimatet 86 Milliarden Neuronen. Immer noch eine unvorstellbar große Zahl. Wir sind also alle sch… reich. Yeah. Doch Neuronen-Milliardär zu sein, ist per se noch kein Garant für Glücksgefühle. Denn solange diese Neuronen untereinander nicht vernetzt sind, hat die Welt für uns noch keinerlei Bedeutung. Unser junges Gehirn kennt weder Glück noch Unglück. Babys nehmen die Welt wie sie ist. Sie sind völlig unvoreingenommen. (Herrlich. Aus heutiger Sicht betrachte ich diesen Umstand als großes Glück. Zumindest im philosophischen Sinn.)

Kleine Analogie aus der Businesswelt:
Unser Neuronen-Reichtum zum Zeitpunkt der Geburt ist vergleichbar mit einem Start-up, das eine große Belegschaft einstellt. Solange diese Menschen keine Informationen zur Einarbeitung erhalten und sich auch untereinander nicht mit Informationen versorgen, sind alle völlig orientierungslos. Und deshalb bringen sie das Unternehmen nicht im geringsten voran. Stattdessen herrscht Stillstand. Was tun sie intuitiv als erstes, um diesen Zustand zu ändern? Augen und Ohren offen halten. Vielleicht ist das ja mehr als eine Binsenweisheit …

Zurück zum Gehirn. Wir wissen nun: Unsere zig Milliarden Neuronen müssen sich erstmal vernetzen, um ein Verständnis von Glück zu entwickeln. Wie stellen sie das an? Zunächst muss das Gehirn mit Daten gefüttert werden. Denn ohne Informationen hat das Gehirn keinerlei Anhaltspunkte, wonach es sich organisieren soll.

Unser Gehirn ist ein komplexes selbstlernendes System. Und komplexe Systeme haben ein natürliches Streben nach Ordnung. Sind keine Strukturen vorhanden, werden eben welche erschaffen. Das Gehirn braucht als Starthilfe dringend Daten-Input. Ohne Input kommt nichts in Gang. Die Ordnungsstrukturen bauen darauf auf. Sie entstehen durch Verbindungen zwischen den vorhandenen Informationen. Woher kommen diese Informationen?

Für den Input – aus dem sich unser Verständnis von Glück entwickelt – nutzt das Gehirn zwei (überlebenswichtige!) Informationsquellen:

  1. Zufällige Sinneseindrücke
  2. Soziale Resonanz

Die Daten aus diesen beiden Informationsquellen brauchen in nächster Instanz Bezugspunkte. Das geschieht neurophysiologisch, indem Verbindungen zwischen den aktiven Neuronen gebaut werden. Diese Verbindungen heißen Synapsen. Erst über diese synaptischen Verbindungen entsteht so etwas wie Bedeutung. Zwischenerkenntnis: Das Gehirn kennt keine absolute Bedeutung. „Wahrheit“ ist aus Neuro-Sicht immer relativ.

Zufällige Sinneseindrücke sind die erste Informationsquelle für unser Glück

Wenn wir geboren werden, ist die Welt für uns wie ein unbeschriebenes Blatt. Auf diesem Blatt wird unsere persönliche Lebensgeschichte verfasst. Wenn wir bei der Analogie des Geschichtenerzählens bleiben, beginnt unsere wie in einem Improvisations-Theater. Nämlich mit zufälligen Worten, die uns von außen spontan, willkürlich und situationsabhängig vorgegeben werden.

Unser Gehirn hat die wichtige Aufgabe, sich in der Welt, in die es hineingeboren wurde, zu orientieren und sich ihr anzupassen, um darin zu überleben. Für die erste Einschätzung seiner Lage sammelt unser Gehirn jede Menge Informationen. Mit diesen Informationen erschafft es sich ein mentales Modell der Welt, in das es hineingeboren wurde. Dieses mentale Modell repräsentiert die Welt, in der wir leben. (Achtung: Der Teufel steckt im Detail. Und dieses Detail ist absolut entscheidend: Das Gehirn repräsentiert die Welt mithilfe eines Modells. Dieses Modell ist aber nicht die Welt selbst. Und es ist weit entfernt davon, objektiv zu sein. Stattdessen ist es lediglich eine hochindividuelle und sehr subjektive Interpretation der Welt. Im NLP – dem Neurolinguistischen Programmmieren – wird das auch als mentale Landkarte bezeichnet.)

Die Krux ist, dass unser Gehirn keine direkte Verbindung zur Außenwelt hat. Jede Verbindung nach außen ist indirekt. Um die Welt zu erfahren, braucht das Gehirn Informanten.

Die allerersten Informanten für unser neugeborenes und nur spärlich vernetztes Gehirn sind unsere Sinnesorgane:

  • Augen
  • Ohren
  • Nase
  • Zunge
  • Haut

Sie liefern die allerersten Informationen über die Welt ans Gehirn. Das wäre alles prima, wenn da nicht noch diese kleine Wichtigkeit von Tatsache wäre, dass unsere Sinnesorgane noch stark unterentwickelt sind, wenn wir das Licht der Welt erblicken. Und die weitere Tatsache, dass wir keinerlei Einfluss darauf haben, was wir wahrnehmen. Denn das hängt von den Reizen aus unserer Umgebung ab (die wir nicht selbst wählen). Wir müssen es nehmen wie es kommt. Unsere Sinneswahrnehmungen sind im Säuglings- und Kindesalter zwar noch sehr ungenau. Dennoch erschaffen sie neurophysiologisch die infrastrukturelle Grundlage für unsere Glückshormone (die Wege, die das Glück neurochemisch nimmt). Sie saugen alle Reize aus der Umgebung ungefiltert auf wie ein Schwamm. Das mag uns nicht wie eine gute Strategie vorkommen. Doch evolutionär hat sich durchgesetzt, dass es unser Überleben begünstigt, wenn wir diese allerersten (unvollkommenen) Informationen nutzen, um unsere grundsätzliche Orientierung in der Welt darauf aufzubauen.

Über die Wahrnehmung erhalten wir einen großen Wust an Informationen darüber, was und wie „die Welt“ ist. (Die Welt beschreibt in diesem Kontext ausschließlich unsere direkt erfahrbare Umgebung.) Wir erleben das als „die Wahrheit“ (und alles andere erleben wir als „falsch“).

Soziale Resonanz ist die zweite Informationsquelle für unser Glück

Das Gehirn verlässt sich für die Bewertung von Glück und Unglück (oder Glück und Schmerz) – zum Glück – nicht allein auf Sinneseindrücke.

Aussagekraft bekommen Sinneseindrücke erst durch einen Bezug zu einer anderen Kategorie von Information. Für dieses Bezugnehmen gibt es ein Wort: Kontext. Der Kontext, der die ersten „Glücks-Schaltkreise“ bildet, muss sehr relevant für unsere Überlebens-Chance sein. Genau das – und nur das – berücksichtigt die Evolution bei der Wahl der zweiten Informationsquelle für unser Glück.

Kein Mensch kann ohne fremde Hilfe überleben. Jedes Baby ist jahrelang abhängig. Abhängig von Versorgern. In der Regel sind das unsere Eltern. Nur wenn uns andere in den ersten Lebensjahren versorgen, haben wir eine Überlebens-Chance. Deshalb ist soziale Zugehörigkeit überlebenswichtig für uns. Und genau darauf baut unser Gehirn seine fundamentalen, zentralen Schaltkreise auf. Wenn es uns als Baby nicht gelingt, andere dazu zu bringen, uns zu versorgen, sterben wir.

Deshalb hat soziale Resonanz einen extrem hohen Stellenwert für uns. Wir halten fest: Soziale Resonanz ist die zweite essenzielle Informationsquelle, mit denen unser Gehirn unsere neuronalen Glücks-Leitungen verlegt. Soziale Resonanz liefert den Kontext, der unseren Sinneseindrücken Bedeutung verleiht. Sie gibt Auskunft darüber, wie die Lebewesen aus unserer direkten Umwelt mit uns interagieren. Wie sie auf uns reagieren und auf unsere Bedürfnisse eingehen. Es geht hier natürlich nicht um irgendwelche Lebewesen, sondern nur um solche, die für unser Überleben wichtig sind. Unsere sozialen Bezugspersonen. Das sind in der Regel die Eltern. Ganz am Anfang aber vor allem die Mama. Wie reagiert die Mama auf uns? Alles wird haarklein von unserem blutjungen Gehirn erfasst:

  • Wendet sie mir ihr Gesicht zu?
  • Schaut sie mich an?
  • Lächelt sie dabei?
  • Reagiert sie auf mich?
  • Werde ich berührt?
  • Spüre ich körperliche Wärme (=Nähe)?
  • Bekomme ich Nahrung?

Glückshormone überbringen die Botschaft

Später erfahren wir Bestätigung und Ablehnung auch über differenziertere Kommunikation und über Sprache (z.B. durch Lob, Anerkennung, Tadel). Das Anlegen der Infrastruktur unserer Glückshormone erfolgt aber schon sehr früh. Und dafür ist entscheidend, dass unser Gehirn neurochemisch auf diese soziale Resonanzen reagiert. Die Signalübermittlung erfolgt über Neurotransmitter und Hormone (chemische Moleküle).

Alles, was dazu dient, unser Überleben zu sichern, wird mit einem angenehmen Gefühl quittiert. Das geschieht hauptsächlich durch die sog. Glückshormone Oxytocin, Serotonin, Dopamin und Endorphin. Sie sind die High-Performer, die Leistungsträger der Hochgefühle.

Alles, was unser Überleben bedroht oder gefährdet, erfahren wir als unangenehm. Angestoßen wird dieses Gefühl durch das Stresshormon Cortisol. Es aktiviert Schmerzzentren in unserem Gehirn und setzt Flucht-Kampf-Starre-Reaktionsmuster in Gang.

 

Der Clou: So wird uns der Prototyp für Glück ins Gedächtnis eingebrannt

Sobald das Gehirn eine Aktivierung durch diese neurochemischen Signalmoleküle erfährt, dokumentiert es blitzschnell: „Was habe ich kurz vor dieser Reaktion erfahren?“ Und genau jetzt wird der Grundstein für unser Glückserleben gelegt:

Alle Neuronen, die kurz vorher gefeuert haben (=aktiv Reize weitergeleitet haben), werden umgehend als „gute Erfahrung“ oder „schmerzliche Erfahrung“ abgespeichert. Und zack, damit ist ein Schaltkreis für unsere Glückshormon-Produktion angelegt. 

Als gute Erfahrung gilt jede Belohnung und auch jede erfolgreiche Schmerzvermeidung. Zur Erinnerung: Maßstab ist in dem frühen Lebensstadium immer der Einfluss auf unsere Überlebenschance. Nicht etwa Genuss, Freude oder Selbstverwirklichung. Die Konzentration des jeweiligen Glückshormon-Cocktails entscheidet darüber als wie wichtig unser Gehirn die jeweilige Situation einstuft. Eine hohe Konzentration erleben wir als starke Emotion. Je stärker die Emotion, desto bedeutsamer für unser Gehirn. Damit unser Gehirn den Schaltkreis aus diesem – für unser Überleben wichtigen – Moment für zukünftige ähnliche Situationen parat hat, schützt es die beteiligten neuronalen Signalwege in besonderer Weise. Um die in diesem Schaltkreis beteiligten Neuronen (genauer um deren lange Faserleitung, das Axon) wird eine fettreiche Isolierschicht (Myelin) gewickelt. Sie schirmt die Nervenbahn hervorragend ab und schützt sie. Diese Myelinschicht ermöglicht eine sehr viel schnellere Reizweiterleitung.

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Mit anderen Worten:
Der Schaltkreis bekommt ein „High-Priority-Etikett“ und bleibt lebenslang in unserem Körpergedächtnis gespeichert.

Fazit: Glücksgefühle und Stress sind nur biologische Navigatoren. Ihre Prototypen werden in unserer Kindheit gebaut.

Unsere frühen, kindlichen Erfahrungen  aus Sinneseindrücke und sozialer Resonanz legen in uns ein hochindividuelles Glückshormon-Starter-Set an. Dieses weitestgehend zufällig generierte Starter-Set ist das Karten-Blatt mit dem wir das Spiel des Lebens beginnen. Und genauso werden auch unsere neuronalen Schaltkreise für Bedrohung und Gefahr angelegt, die wir später als Stress erleben (meist ohne dessen Ursprung zu kennen).

Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, uns ewig Glücksgefühle zu bereiten. Stattdessen ist es biologisch dafür gemacht, dass wir sehr früh lernen, was für unser Überleben förderlich ist und was unser Leben gefährdet. Angenehme und unangenehme Gefühle haben – aus Sicht der Biologie – lediglich die Funktion, uns dafür als Navi zu dienen. Diese früh angelegten Navigatoren sind der Prototyp für unser Erleben von Glück. Alles, was wir später an Glücksstrategien lernen, baut auf diesen Prototypen auf. Bedeutet: Neu erlernte Glücksstrategien ersetzten nicht, was wir vorher im „Programm“ hatten. Sondern sie ergänzen die ursprüngliche Glücks-Programmierung durch zusätzliche Verbindungen zu anderen Informationen (Neuronen) in unserem Gehirn. Dadurch kann ein ganz neues Bild entstehen.

Jetzt kennen wir also die Hintergründe zu der Antwort auf die eingangs gestellte Frage, warum wir in Coaching- und Therapie-Gesprächen immer wieder in der Kindheit landen. Wir verstehen unser Glücks-Erleben besser, wenn wir – mit biologischem Fokus – auf die Quelle schauen, der diese Glücks- oder Unglücks-Bedeutung entsprungen ist. Und weil diese neuronalen Prototypen mit dem „High-Priority-Etikett“ so früh angelegt werden, landen Therapie- und Coaching-Gespräche so oft in der Kindheit. Nichts, was wir nachträglich über das Glück lernen, wird so mühelos aufgebaut und so schnell mit einem „High-Priority-Etikett“ versehen wie unsere allerersten Erfahrungen auf dieser Welt.

2 Kommentare

  1. Tanja Klein

    Vielen Dank für diesen überaus aufschlussreichen Artikel! Gerade die Start-up-Analogie hat mir sehr gefallen!

    Antworten
    • Sonja Schiller

      Das freut mich sehr, liebe Tanja 🙂 Danke auch für das konkrete Feedback zu der Analogie. Mir geht es da wie dir: Ich freue mich auch immer über gelungene Analogien.

      Antworten

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